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Der Victoriasee
Artikel über   Lake Victoria< UGANDA

Mit einer Fläche von 68 800 Quadratkilometern ist der im ostafrikanischen Hochland - im Grenzgebiet zwischen Kenia, Tansania und Uganda - gelegene Victoriasee anderthalb mal so gross wie die Schweiz und (nach dem Oberen See in Nordamerika mit 82 400 km2) der zweitgrösste Süsswassersee der Erde. Insgesamt 3300 Kilometer lang sind die Ufer dieses riesenhaften, nach der ehemaligen britischen Königin Victoria benannten Gewässers. Mehrere grössere Hafenstädte liegen daran, wie Kisumu in Kenia, Mwanza in Tansania oder Entebbe in Uganda, die durch regelmässig befahrene Schiffslinien miteinander verbunden sind. Zahlreiche kleine und grössere Inseln liegen im See verstreut, welche zusammen eine Fläche von rund 6000 Quadratkilometern aufweisen. Alles in allem erinnert der Victoriasee eher an ein Binnenmeer als an einen Süsswassersee.


Bemerkenswert ist der Victoriasee aber nicht nur wegen seiner geografischen Daten, sondern auch wegen seiner Wassertierwelt, besonders wegen seiner aussergewöhnlich formenreichen Fischfauna: Weltweit weisen nur noch die beiden weiter südlich liegenden Seen Tanganjikasee und Malawisee eine ähnlich grosse Vielfalt an Fischarten auf. Und wie bei den beiden «Nachbarseen» ist diese enorme Fischvielfalt zur Hauptsache auf eine einzige Familie zurückzuführen: die Buntbarsche (Cichlidae).


 


Über 400 Victoriasee-Buntbarsche


Wieviele Buntbarsche der Victoriasee insgesamt beherbergt, lässt sich nicht genau sagen. Gewiss ist einzig, dass bis heute etwa 125 Arten wissenschaftlich beschrieben worden sind und dass mehrere Dutzend Arten bereits gesammelt, aber noch nicht wissenschaftlich benannt worden sind. Als unbestritten gilt ferner, dass zahlreiche weitere Arten noch unentdeckt geblieben sind. Und leider besteht kein Zweifel, dass viele Arten, worunter auch unbekannte, in den letzten Jahrzehnten aufgrund der «Machenschaften» des Menschen ausgestorben sind. Neuste Schätzungen besagen, dass die Gesamtzahl der Buntbarscharten im Victoriasee noch um die Mitte unseres Jahrhunderts deutlich über 400 betragen hat, und dass die grosse Mehrheit hiervon endemische Arten gewesen sind.

Vergleicht man diese Zahl mit den «kläglichen» 45 einheimischen und 13 eingeführten Fischarten, die es insgesamt in den schweizerischen Gewässern gibt, so erhält man eine Vorstellung vom unglaublichen Formenreichtum der Buntbarsche im Victoriasee.


Erstaunlich ist dieser Reichtum umsomehr, als der Victoriasee geologisch gesehen verhältnismässig jung ist: Man schätzt sein Alter auf weniger als eine Million Jahre. Kommt hinzu, dass er vor gut 12 000 Jahren vorübergehend vollständig austrocknete. So hat sich also offensichtlich die heutige Formenvielfalt der Victoriasee-Buntbarsche in einer überraschend kurzen Zeitspanne - ausgehend von wahrscheinlich wenigen eingewanderten, vormals flussbewohnenden Buntbarsch-Vorfahren - herausgebildet. Dies gilt zu Recht als ein ganz aussergewöhnlicher Fall von explosionsartiger Evolution.


Die Vielfalt der Buntbarsche im Victoriasee ist zu einem erheblichen Teil auf das besonders reiche Spektrum aquatischer Lebensräume zurückzuführen, welches dieses riesenhafte, tropisch-warme und (bei einer durchschnittlichen Wassertiefe von weniger als 40 Metern) sehr seichte Gewässer aufweist: Neben dem offenen Wasser des Sees finden sich in der Uferzone und im Bereich der Inseln nebst geschützten, wasserpflanzenreichen Buchten beispielsweise sandige, Wind und Wellen ausgesetzte Strandabschnitte, verlandendende, quadratkilometergrosse Papyrussümpfe und felsige, zerklüftete Steiluferpartien. In den uferfernen Teilen des Sees wiederum ist die Beschaffenheit der Böden sehr verschiedenartig und reicht von weichen, verschlammten Untergründen über sandige Flächen bis hin zu Kieselstein- und Felsböden. Jeder dieser zahlreichen Lebensräume im Victoriasee bietet spezielle Lebensverhältnisse und -nischen. Und jeder von ihnen beherbergt heute seine eigene Gemeinschaft von Buntbarscharten.


 


Vier Buntbarsch-Beispiele


Obschon sich die Buntbarscharten des Victoriasees auf die Nutzung unterschiedlichster ökologischer Nischen spezialisiert haben, sind sie doch in ihrer Gestalt alle einander recht ähnlich geblieben.

Markante Unterschiede bestehen hingegen in ihrer Färbung und der Struktur ihrer Kiefer und Zähne, worin sich die Vielfalt der Ernährungsgewohnheiten widerspiegelt. Ferner unterscheiden sie sich in ihrer Grösse - die erwachsenen Individuen werden je nach Art zwischen 5 und 25 Zentimeter lang - teils deutlich voneinander.


Die auf diesen Seiten vorgestellten vier Arten mögen die ökologische und körperbauliche «Bandbreite» der Buntbarschfauna im Victoriasee veranschaulichen, denn es handelt sich um vier Arten, die verhältnismässig stark voneinander abweichen: den Rotschwanz-Schabebuntbarsch (Haplochromis nigricans, auch Neochromis nigricans), den Wulstlippenbuntbarsch (Haplochromis chilotes, auch Paralabidochromis chilotes), den Bänderbuntbarsch (Haplochromis cinctus, auch Enterochromis cinctus) und den noch nicht wissenschaftlich benannten Orangefarbenen Felsen-Raubbuntbarsch (Haplochromis sp.nov., auch Haplochromis «orange rock hunter»).


Der Rotschwanz-Schabebuntbarsch, der eine recht hohe «Stirn» aufweist, ist ein mittelgrosses Mitglied seiner Sippe: Erwachsene Tiere erreichen eine Länge von etwa zehn Zentimetern. Er hat sich auf das Abweiden bzw. «Abschaben» von Algen spezialisiert, die auf Felsen wachsen, wobei ihm sein kammähnliches Gebiss sehr dienlich ist. Daneben verschmäht er auch Insekten und andere wirbellose Kleintiere nicht, denen er bei der Nahrungssuche begegnet.


Der Wulstlippenbuntbarsch ist etwas grösser als der Rotschwanz-Schabebuntbarsch und besitzt - wie sein Name sagt - auffällig vergrösserte Lippen. Er verfügt über pinzettenartige Zähne, die er einsetzt, um Insektenlarven und andere wirbellose Kleintiere aus Felsspalten, Rissen in Holzstücken und anderen Verstecken hervorzuziehen. Die Wulstlippen scheinen dabei als Schutzpolster zu dienen: Sie verhindern Verletzungen, wenn er seinen Mund gegen Fels oder Holz presst.


Der Bänderbuntbarsch ist deutlich kleiner als seine beiden oben genannten Vettern. Er bewohnt weichgründige Seegebiete in gewöhnlich mehr als zehn Metern Tiefe und ernährt sich dort zur Hauptsache von allerlei abgestorbenen Pflanzenstoffen, die auf den Seeboden abgesunken sind. Daneben packt er gerne Zuckmücken- und andere Insektenlarven, die sich in den Bodenablagerungen aufhalten.


Der Orangefarbene Felsen-Raubbuntbarsch ist ein verhältnismässig grosser Vertreter seiner Sippe, der sich an felsigen Steilhängen im Bereich von Spalten und Rissen umherbewegt. Nach seiner auffällig weiten Mundöffnung und seinen spitzen Zähnen zu schliessen, hat er sich auf die Jagd nach anderen Fischen spezialisiert. Der Orangefarbene Felsen-Raubbuntbarsch wurde erst 1992 an einer felsigen Stelle im Mwanza-Golf, im Süden des Victoriasees, entdeckt, und es deutet alles darauf hin, dass seine Verbreitung im See - im Gegensatz zu derjenigen der drei vorgenannten Arten - schon immer sehr beschränkt war.


 


Mund bildet Bruthöhle


Wie die meisten Mitglieder der Buntbarschfamilie zeigen die Victoriasee-Buntbarsche eine ganz spezielle Form der Brutpflege, das sogenannte «Maulbrüten»: Beim Laichen legt zuerst das Weibchen seine - zumeist nur zehn bis dreissig - Eier ab und birgt sie unverzüglich in seiner Mundhöhle. Dann nimmt es den vom Männchen abgegebenen Samen mit dem Wasser auf, so dass die Eier also in seinem Mund befruchtet werden. Das Gelege bleibt danach in der Obhut des Weibchens, bis die Jungen aus den Eiern schlüpfen. Immer wieder schichtet es die Eier in seinem Mund durch Kaubewegungen um, damit sie alle gleichermassen mit sauerstoffreichem Frischwasser versorgt werden. Hingegen nimmt es während der zwei bis drei Wochen dauernden «Brutzeit» keine Nahrung zu sich, denn die Gefahr wäre gross, dass es dabei seinen eigenen Nachwuchs verschlucken würde. Es magert deshalb bis zum Entlassen der Jungen erheblich ab.


Auch nach dem Schlüpfen kümmert sich das Weibchen noch eine geraume Weile um seine Jungen. Regelmässig entlässt es sie, damit sie in der unmittelbaren Umgebung erste Nahrung aufnehmen können. Und immer wieder nimmt es sie bereitwillig auf, wenn Gefahr droht oder für die Nacht. Sind die Jungfische mit der Zeit zu gross, um bequem im mütterlichen Mund Unterschlupf zu finden, wehrt das Weibchen die weiterhin unternommenen Versuche der Jungen, seinen Mund aufzusuchen, ab. Die Jungen entfernen sich daraufhin immer weiter von ihrer Mutter, bis der Kontakt schliesslich ganz abbricht.


 


Nilbarsch als Übeltäter


Im warmen, lichtdurchfluteten und nährstoffreichen Wasser ihres äquatorialen Heimatgewässers haben die Victoriasee-Buntbarsche während langer Zeiträume beste Lebensgrundlagen gefunden. Dies hat ihnen nicht nur die Entwicklung der erwähnten Formenvielfalt erlaubt, sondern hat zumindest bei gewissen Arten auch zur Bildung enorm umfangreicher Bestände geführt. Zusammen mit den anderen Fischarten im Victoriasee bildeten diese für die ansässige menschliche Bevölkerung eine wertvolle, scheinbar unerschöpfliche Eiweissquelle. Noch bis in den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts diente der Fischfang hauptsächlich der Selbstversorgung der örtlichen Bevölkerung. Er wurde mit einfacher Ausrüstung ausgeübt, und es gab kaum Hinweise auf eine Übernutzung der Fischbestände im See.


Leider hat sich die Situation in der Zwischenzeit dramatisch verändert: Folgenschwere Eingriffe seitens des Menschen haben das Ökosystem des Victoriasees empfindlich beeinträchtigt - mit katastrophalen Folgen für die heimischen Buntbarsche. Die Fachleute schätzen, dass bereits rund zwei Drittel aller Victoriasee-Buntbarsche, also weit über 200 Arten, ausgestorben sind.


Als besonders einschneidende Tat hat sich die Ansiedlung des Nilbarschs (Lates sp.) aus der Familie der Glasbarsche (Centropomidae) erwiesen. Es handelt sich dabei um einen Speisefisch, der bis 180 Zentimeter lang und nahezu 200 Kilogramm schwer werden kann - und der deshalb für jeden Fischer eine überaus lohnende Beute darstellt. Leider ist der Nilbarsch aber auch ein überaus gefrässiger Raubfisch, der sich nach seiner Einbürgerung buchstäblich durch die reichen Buntbarschbestände des Sees hindurchfrass. Dies fiel ihm umso leichter, als ihm die Victoriasee-Buntbarsche nicht nur körperlich weit unterlegen waren, sondern in ihrer Stammesgeschichte auch kein wirksames Feindvermeidungsverhalten gegenüber solch mächtigen Fressfeinden entwickelt hatten.


Wann der Nilbarsch, dessen ursprüngliche Heimat die Stromgebiete des Nil, Niger und Senegal sind, erstmals im Victoriasee ausgesetzt wurde, ist nicht bekannt. Wir wissen einzig, dass in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren sowohl in den ugandischen als auch den kenianischen Teilen des Sees mehrere von den britischen Kolonialherren geförderte Einbürgerungsprojekte durchgeführt wurden. Anfänglich blieben die Bestände des Nilbarschs ziemlich klein und örtlich begrenzt. Doch allmählich breitete sich der grosse Fisch immer weiter aus, und in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren erfolgte schliesslich eine sprunghafte Bestandsvergrösserung, in deren Verlauf er sämtliche Bereiche des Sees eroberte.


Machten die Buntbarsche in den kenianischen Teilen des Victoriasees einstmals rund 80 Gewichtsprozent des Fischfangs aus, so war ihr Anteil im Jahr 1981 auf spärliche 4 Prozent gesunken - während der Nilbarsch nun 82 Prozent des Fangs bildete. Heute lassen sich viele Buntbarscharten im Fang überhaupt nicht mehr finden. Sie dürften allesamt ausgestorben sein. Dies betrifft vor allem die Buntbarsche des offenen, uferfernen Wassers, wo der Nilbarsch vorzugsweise auf Jagd geht; darunter plankton-, insekten- und garneelen- sowie fischessende, dem Orangefarbenen Felsen-Raubbuntbarsch ähnliche Arten. Aber auch die in den uferfernen Bereichen des Sees von Bodenablagerungen und Bodenlebewesen sich nährenden, dem Bänderbuntbarsch ähnliche Arten sind fast vollständig verschwunden. Andere, früher weitverbreitete Arten wie der Wulstlippenbuntbarsch überleben nur noch an felsigen Uferpartien des Festlands und der Inseln. Hier, wo der Nilbarsch eher geringe Aussichten auf Jagderfolg hat, befinden sich denn heute auch die wichtigsten Rückzugsgebiete der Victoriasee-Buntbarsche.


 


Düstere Zukunftsaussichten


Als sehr nachteilig für die Buntbarsche des Victoriasees hat sich auch der in den siebziger Jahren aufgenommene Fischfang mit Schleppnetzen herausgestellt. Durch diese Trawlfischerei gerieten viele uferfern lebende, bereits unter der Verfolgung durch den nimmersatten Nilbarsch leidende Arten unter zusätzlichen Jagddruck. Ausserdem wurden die Lebensräume bodenlebender Arten teils massiv geschädigt. Die (seinerzeit mit internationalen Entwicklungshilfsgelder geförderte) Trawlfischerei ist nicht nur ökologisch, sondern auch sozial höchst bedenklich, entzieht sie doch den ansässigen «Kleinfischern» die Lebensgrundlage und gefährdet deren traditionelle Selbstversorgergesellschaft. Dies wiederum ist mitverantwortlich dafür, dass verschiedene Formen des Fischfangs in den ufernahen Zonen des Sees - den Hauptrückzugsgebieten der Buntbarsche - erheblich an Intensität zugenommen haben. Besonders verheerend wirkt sich dabei die Verwendung von Insektiziden und anderen wasserlöslichen Giften aus, die an felsigen Ufern eingesetzt werden, um die Fische zum Verlassen ihrer Verstecke zu nötigen.


Von der Vielzahl unheilvoller Schadfaktoren, welche den Buntbarschen heute das Leben schwer machen, sei zum Schluss noch der stark angewachsene Eintrag von Schwebstoffen durch die den See speisenden Flüsse genannt. Zurückzuführen ist diese ungute Fracht vor allem auf die bedenkliche Bodenerosion im Einzugsgebiet dieser Flüsse, wo der Mensch die Wälder abgeholzt und sein Vieh die Grasflächen überweidet hat. Der Schwebstoffeintrag bewirkt eine gebietsweise erhebliche Trübung des Seewassers, wodurch unter anderem das Wachstum bodenlebender Algen, von denen sich Arten wie der Rotschwanz-Schabebuntbarsch ernähren, nachteilig beeinflusst wird. Zu befürchten ist aber vor allem, dass die getrübten Sichtverhältnisse unter Wasser das charakteristische Laichgeschehen der Buntbarsche - und damit deren Nachzuchterfolg - beeinträchtigen.


Wissenschaftler aus Kenia, Tansania und Uganda arbeiten derzeit zusammen mit Kollegen aus Europa und Amerika intensiv daran, den Einfluss der diversen Schadfaktoren auf die Buntbarsche des Victoriasees abzuklären. An diesen Studien massgeblich beteiligt sind die Experten der «Arbeitsgruppe zur Erforschung der Buntbarsch-Ökologie» («Haplochromis Ecology Survey Team»; HEST) mit Basis an der Universität von Leiden in den Niederlanden. Dank ihrer Forschungsarbeit, die sie seit 1977 im Mwanza-Golf im südlichen, zu Tansania gehörenden Teil des Victoriasees durchführen, wissen wir Näheres sowohl über die Ökologie der Buntbarsche vor dem «Nilbarsch-Boom» als auch über die massiven Veränderungen, die sich in der Zwischenzeit abgespielt haben.


Das Ziel all dieser Untersuchungen ist es, rasch greifende Massnahmen für die ökologische Restaurierung des Victoriasees im allgemeinen und für die Rettung der noch verbleibenden, arg bedrängten Buntbarsche im speziellen zu entwickeln. Noch liegen realisierbare Lösungen allerdings in weiter Ferne. Entsprechend düster fallen die Prognosen hinsichtlich der Zukunft der Victoriasee-Buntbarsche aus.


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